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Februar 15th, 2010 von chris

Fliegenfischen, sagen Spötter, ist die teuerste, schwierigste und sicherste Methode, keinen Fisch zu fangen. Für seine Anhänger in British Columbia dagegen ist es die perfekte Möglichkeit, um Ruhe in der Natur zu finden. Denn kein Fisch fragt: Wie war dein Tag, Schatz?

 

FOTOSTRECKE

Es ist so still, dass selbst die Grizzlybären auf Zehenspitzen gehen. Im Sand sind frische Spuren. Sie kommen an den Fluss, um Lachse aus dem Wasser zu hauen. James Winfield hat einmal eine Mutter gesehen, die ihr Junges lehrte, wie das geht. Richtig geredet habe sie mit dem Kleinen, sagt er, ständig gegrummelt. Und dann ein bisschen nachgeholfen, indem sie einem Lachs den ersten Schlag verpasste. Das belämmerte ihn so, dass der kleine Bär ihn fischen konnte.

James möchte nicht, dass ihm jemand das Fischefangen erleichtert. Er ist ein Fliegenfischer, ein Mitglied jener Anglergilde, die darauf aus ist, schwer zu fangende Fische mit der schwierigsten Methode zu fangen. Der 25-jährige Kanadier, der an der Lakehead University in Ontario Maschineningenieur studiert, hat den Sport von seinem Vater gelernt. Seit dem Tag, als er seinen ersten Fisch, eine Bachforelle, an der Angel hatte, ist James der Leidenschaft verfallen. Sie war 58 Zentimeter lang, fast so groß wie er selbst.

 

James wirft den Köder aus, in jenem schwerelosen Schwung, der so leicht scheint. Er hat es auf Silberlachs abgesehen, einen bis zu 14 Kilogramm schweren Kämpfer, der weder rasch anbeißt noch aufgibt. An der Flussbiegung, wo sich das Wasser in einem Becken staut, halten sich ein paar davon auf. James kann sie sehen dank seiner Polbrille, dem wichtigsten Teil der Ausrüstung, wie er meint.

Nur das Sirren der Schnur durch die Luft ist zu hören, das Murmeln des Wassers, das Geflüster der Bäume. Und manchmal der Laut, wenn ein Fisch springt, sich in der Luft dreht, den hellen Silberbauch zeigt, aufs Wasser klatscht und wieder verschwindet. Sooft James auch den Köder platziert, so verführerisch er ihn durchs Wasser zieht, es lässt die Lachse kalt.

Flussaufwärts zum Laichen und Sterben

“Es ist zum Verrücktwerden”, sagt James. Man merkt ihm an, dass er bei allem Können noch nicht jenes Stadium erreicht hat, wo Fliege, Fisch und Fischer eins werden und alle Begierde erlischt.

Die Fahrt mit dem Floß hierher hatte etwas Verträumtes. Manchmal stand das Wasser, ermüdet vom Sommer, so still, dass das Spiegelbild der Bäume kaum verwischt war. Löste sich ein Weißkopfadler von seinem Ast und suchte mit seinen Schwingen das Weite, schien ihn ein Rochen in der Tiefe nachzuahmen. Mancherorts gab es Hindernisse, über die die Lachse wie Hürdenläufer hüpften, dann wieder war das Wasser so seicht, dass sie über den Grund kriechen mussten. Es sind Hunderte, Tausende. Alle streben sie flussaufwärts, zu der Stelle, wo sie geboren wurden. Nun werden sie dort laichen und sterben.

Meist sind es Buckellachse, die kleinste Lachsart. 18 Monate verbringen sie im Pazifik, ehe sie in ihren Fluss zurückschwimmen. Buckellachse schnappen schnell nach einem Köder und sind nicht so kräftig. Sie zu fangen ist so heroisch, wie eine Fliege zu erwischen, die sich in den Winter hinüberzuschleppen vermochte. Gut für Anfänger, aber nichts für James.

Er klaubt einen rosa Köder aus der Fliegendose, in der es aussieht, als hätten sich Insekten für den Karneval in Fummel gestürzt. Mit einem Clinchknoten knüpft er ihn an die Angelschnur, die er zuvor abgeleckt hat. Das erhöht die Tragkraft und hilft Schnurschäden vermeiden. Die leichte Angelschnur, im Jargon das Vorfach, ist an einer schweren Schnur befestigt, der sogenannten Flugschnur. Sie dient als Wurfgewicht, da der Köder selbst zu leicht zum Werfen ist.

Zweisamkeit von Fischer und Lachs

Im Fliegenfischen ist Wurftechnik alles. Die Rute am rechten Arm angewinkelt auf elf Uhr halten, rückwärts auf ein Uhr bewegen - die erste Wegeshälfte langsam, die zweite beschleunigt - dann in umgekehrter Richtung dasselbe umgekehrt, vorwärts und rückwärts, sodass die Flugschnur, von der man immer mehr freigibt, die Fliege in der Horizontalen durch die Luft pendelt, so lange, bis sie jenseits der Flussmitte ist, worauf sie mit einem Stopp auf dem Wasser platziert wird, genau über den Fischen, die sich im Schatten der Bäume vor Räubern geschützt glauben. Der Köder wird durchs Wasser gezogen, bis man den Ruck spürt, der durch die Rute geht und das Herz hüpfen lässt.

Dann beginnt der Drill, das Duell mit dem Fisch. Schwimmt er von einem weg, gibt man mehr Schnur, schwimmt er auf einen zu, rollt man sie auf. Die Spannung muss konstant bleiben, damit sich der Fisch nicht vom Haken lösen und entwischen kann. Das geht so lange hin und her, bis er müde ist.

Kann der Haken - ein Schonhaken ohne Widerhaken - nicht im Wasser aus dem Maul gelöst werden, muss man den Fisch landen, von oben hinter den Kiemen halten und auf den Rücken drehen. Sofort wird er ruhig und lässt die Prozedur über sich ergehen. Dann bringt man ihn zurück in die Strömung, wo er weiterzieht, als wäre nichts geschehen.

Alles vollzieht sich in seliger Zweisamkeit, der Fischer so stumm wie der Fisch. Niemand ist hier außer den Lachsen, bis ein Kanu erscheint, in dem ein bärtiger Mann und ein weißer Hund sitzen, der seine Schnauze auf die Kante gelegt hat mit einem Ausdruck von Selbstvergessenheit im Gesicht, um die ihn sogar ein Fliegenfischer beneiden muss.

“Das ist Jesse”, stellt der Mann den Hund vor. Er selber heißt Stan Hutchings und nutzt die Gelegenheit für einen Schwatz in dieser menschenleeren Gegend. Stan ist im Auftrag der Fischereibehörde unterwegs, für die er die Lachse in den Flüssen zählt. Um seinen Hals hängen drei mechanische Zähler, einer für Buckellachs, einer für Silberlachs und einer für Hundslachs. Alle sind jetzt am Steigen, Mitte Juli hat die Saison begonnen, die bis in den September dauert. 43 Flüsse gehören zu Stans Revier. 200.000 Buckellachse hat er bereits gezählt. “Ein gutes Jahr”, sagt er, das letzte sei schlecht gewesen.

Von Peter Haffner

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